Der Mauerfall

Ein Volk schreibt Geschichte

 

Im Herbst 1989 versammeln sich DDR-Bürger und demonstrieren friedlich gegen Unfreiheit, Bespitzelung und staatliche Repressionen. Sie gehen auf die Straße für Selbstbestimmung, Meinungsfreiheit und Reisefreiheit. So lange und so beharrlich, bis die Grenzen geöffnet werden.

In den 25 Jahren, die seit diesem Ereignis vergangen sind, wurde das Leben vieler Ostdeutscher komplett umgekrempelt. Beruflich wie privat. Positiv wie negativ. Der Neuanfang brachte die große Freiheit, eine Karriere im Westen, ein neues politisches System. Aber auch Enttäuschungen, Scheitern, Arbeitslosigkeit und Brüche.

In einer großen multimedialen Reportage erzählt die Berliner Zeitung, wie es den DDR-Bürgern gelingen konnte, ohne Waffengewalt, aber mit einem unbeirrbaren Willen, das eigene politische Regime zu stürzen. Wie sie standhaft blieben, auch im Angesicht militärischer Macht. Wie Redakteure der Berliner Zeitung die Euphorie der Grenzöffnung erlebten, wie sie wildfremde Menschen umarmten, mit ihnen feierten, lachten, tranken. Und wie ein Ostdeutscher die neu gewonnene Freiheit nutzte, um die Kunstsammlung von Brad Pitt aufzustocken.

Inhalt

  • 01_Aufbruch_in_der_DDR_Credit-ADN-ZB
    20. Oktober 2014Der Anfang vom Ende
    Im Mai 1989 können DDR-Bürgerrechtler erstmals Wahlfälschungen beweisen. Ein halbes Jahr später fällt die Mauer. Die friedliche Revolution ist geprägt von Massendemonstrationen und Republikflucht.
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  • 02_mauergrafik_neu
    19. Oktober 2014Mehr als nur Mauer
    Unsere interaktive Grafik zeigt, wie komplex die Grenzanlage aufgebaut war und mit welchem logistischen Aufwand das DDR-Regime die Flucht in den Westen verhindern wollte.
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  • trabbi
    18. Oktober 2014Die Nacht des Mauerfalls
    Eine langjährige Redakteurin der Berliner Zeitung ist dabei, als die ersten DDR-Bürger am 9. November 1989 über die Bornholmer Brücke in den Westen, in die lang ersehnte Freiheit strömen. Die Nacht des Mauerfalls bleibt unvergessen.
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  • 06-prolog-videos
    Mitarbeiter der Berliner Zeitung erzählen, wie sie die Nacht des Mauerfalls erlebt haben. Von Verbrüderungen mit polnischen Musikern bis zu einem Mauersprung in den Osten ist alles dabei.
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  • 05-prolog-memory-neu
    10. Oktober 2014Das große Berlin-Memory
    Erinnern Sie sich an Ost-Berlin vor der Wende? Machen Sie mit bei unserem Memory-Spiel und finden Sie Bildpaare von bekannten Orten damals und heute.
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  • 07-abriss-der-mauer
    10. Januar 2014Eine neue Zeit beginnt
    Für die meisten DDR-Bürger bedeutet der Mauerfall einen radikalen Neuanfang. „Die Ostdeutschen“ haben erstmals die Chance, ihr Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen. Die Geschichte eines Galeristen, der sich aufmacht, die Kunstwelt zu revolutionieren.
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Der Anfang vom Ende

Im Mai 1989 können DDR-Bürgerrechtler erstmals Wahlfälschungen beweisen.
Ein halbes Jahr später fällt die Mauer.

Von Peter Pragal

Sieg der Neinsager

Die friedliche Revolution in der DDR beginnt am 7. Mai 1989. Die DDR-Bürger sind aufgerufen, bei der Kommunalwahl für die Kandidaten der „Nationalen Front“ zu stimmen.

Das Verfahren dient wie eh und je dazu, Demokratie vorzutäuschen und die Bevölkerung für die Ziele der Obrigkeit einzuspannen. Die meisten Menschen im SED-Staat durchschauen das System dieser Scheinwahlen als Farce, machen aber aus Gewohnheit oder Angst vor Nachteilen mit.

Denn es genügt bereits, die Wahlkabine zu nutzen, um sich verdächtig zu machen. Also nehmen sie den Stimmzettel, machen in der Mitte einen Knick und stecken das Papier mit der Einheitsliste in die Urne. „Falten gehen“, sagen sie dazu.

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Diesmal jedoch entziehen sich Bürgerrechtler und andere Oppositionelle dem verlogenen Ritual. Sie wagen es, den Verlauf der Wahl zu überwachen, indem sie sich in vielen Städten zur öffentlichen Auszählung in den Wahllokalen einfinden. Manchmal wird ihnen der Zugang verwehrt. Aber besonders in Ost-Berlin können sich die kritischen Beobachter ein eigenes Bild von den Resultaten machen. Sie notieren die ausgezählten Stimmen und vergleichen sie mit den amtlichen Zahlen. Danach liegt der Anteil der Nein-Stimmen zwischen drei und 20 Prozent.

Als sich Mitglieder des Weißenseer Friedenskreises, der Umwelt-Bibliothek und der Kirche von Unten am Abend zur „Wahlparty“ im Gemeindehaus der Elisabeth-Kirche in Berlin-Mitte versammeln, läuft dort ein Fernseher. Egon Krenz als Vorsitzender der Wahlkommission spricht von einem „eindrucksvollen Votum“ für die Kandidaten der Einheitsliste und verkündet eine Zustimmung von 98,85 Prozent. Wütende Rufe gellen durch den Raum, in dem sich auch westliche Journalisten eingefunden haben. Die Differenz zu den Stichproben-Resultaten ist deutlich. Offenkundig wurden viele Gegenstimmen unterschlagen. „Nach unseren Ergebnissen liegt Wahlfälschung vor“, stellen die Beobachter fest.

Westdeutsche Mission macht dicht

Die Eingangstür zur Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ost-Berlin ist verschlossen. Die Rollgitter sind heruntergelassen. Die Mission „kann vorübergehend leider keine Besucher empfangen“, verkündet ein Schild. Der Grund: Am Morgen des 8. August 1989 suchen 117 Menschen in dem Gebäude an der Hannoverschen Straße Zuflucht. Im Laufe des Tages kommen 13 weitere dazu. Sie wollen auf Biegen und Brechen fort aus der DDR und drohen das Haus nicht eher zu verlassen, bis ihnen die Ausreise zugesichert wird. Doch die SED-Führung stellt sich stur. Selbst der Ostberliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der früher bei ähnlichen Fällen erfolgreich vermittelte, muss passen.

In der Vertretung, die bereits zum zweiten Mal wegen Überfüllung den Publikumsverkehr einstellen muss, herrscht qualvolle Enge. Im Gartenhaus, in dem sonst Empfänge stattfinden, stehen für 19 Einzelpersonen und 39 Familien, unter ihnen 13 Kinder, zwei Waschräume mit jeweils zwei Toiletten und zwei Waschbecken zur Verfügung. Im Garagentrakt gibt es zwei weitere WCs und Duschen. Es ist sommerlich heiß, die Stimmung der Menschen nervös und gereizt. Zwei Ausreisewillige drohen mit Hungerstreik. Unter den Eingeschlossenen bricht Streit aus. Einige beharren darauf, direkt ausreisen zu dürfen. Andere hoffen auf Zusagen der DDR-Behörden. Doch die stellen vorerst nur Straffreiheit nach Verlassen der Vertretung in Aussicht.

Wochen geht das so. Die Eingeschlossenen sind frustriert. Lagerkoller, Frust, Zoff untereinander und mit dem bundesdeutschen Hausordnungsdienst. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Die DDR pocht auf die Entscheidungsgewalt über die festsitzenden Flüchtlinge. Aber hinter den Kulissen wird verhandelt. Am 8. September kommt Wolfgang Vogel in die Vertretung. Er hat eine gute Nachricht: den Anträgen auf Ausreise werde stattgegeben. Die Dauergäste verlassen Haus und Gelände. Für den Publikumsverkehr bleibt die Vertretung vorerst gesperrt. Aus Sorge, das Haus könnte erneut von Zufluchtsuchenden besetzt werden.

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Aufruf zum Dialog

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In Grünheide bei Berlin treffen sich am 9. September 1989 30 Männer und Frauen, um ein waghalsiges und in der Geschichte des SED-Staates bis dahin einzigartiges Unternehmen zu starten. Sie unterzeichnen ein Papier, in dem die Gründung einer Sammlungsbewegung mit dem Namen „Neues Forum“ angekündigt wird. Mitglied sollen alle Bürger der DDR werden, „die an einer Umgestaltung unserer Gesellschaft mitwirken wollen.“ Gastgeberin ist Katja Havemann, Witwe des 1982 verstorbenen Dissidenten Robert Havemann. Vorbereitet wurde die Zusammenkunft von ihrer Freundin, der Malerin Bärbel Bohley, die als Regimegegnerin bereits zweimal im Gefängnis gesessen hat.

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Während große Teile der Bevölkerung resignieren oder versuchen, dem Staat den Rücken zu kehren, wollen sich die in Grünheide versammelten Oppositionellen nicht entmutigen lassen. Es sind wie der Molekularbiologe Jens Reich und der Jurist Rolf Henrich überwiegend Angehörige akademischer Berufe, die wegen ihres Engagements für die Bürgerrechte von der Stasi beobachtet werden. Dabei denken sie nicht an Umsturz und Revolution und schon gar nicht an die Abschaffung der DDR. Ihnen, den ehrlich besorgten Bürgern, geht es vor allem darum, „Wege aus der gegenwärtigen krisenhaften Situation“ zu finden und einen demokratischen Dialog mit den Machthabern zu führen.

Michail Gorbatschow
„Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.“

Der auch über die Westmedien verbreitete Aufruf findet eine große Resonanz. Noch im selben Monat unterzeichnen 5000 Bürger den Appell. Bis Ende des Jahres werden es 200.000 sein. Das DDR-Innenministerium verweigert die von der Gruppe beantragte formale Zulassung mit der Begründung, es bestehe „keine gesellschaftliche Notwendigkeit.“ Die SED-Presse nennt das Neue Forum eine „staatsfeindliche Plattform“. Erst am 8. November gibt der Staat seine ablehnende Haltung auf und legalisiert die neue Sammlungsbewegung.

Gorbatschow als Hoffnungsträger

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Am 6. Oktober, am Vorabend des 40. Staatsfeiertages der DDR, trifft der sowjetische Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow in Ost-Berlin ein. „Gorbi, Gorbi“, rufen Zuschauer hinter den Absperrgittern, als er am „Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus“ vorfährt.

Eisige Mienen bei den zahlreich postierten Stasi-Männern. Nach der Kranzniederlegung durchbricht der Gast aus Moskau das DDR-Protokoll, das ihn vom Volk fernhalten soll. Am Straßenrand gibt er westlichen Journalisten ein kurzes Interview.

„Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.“

Die Aussage wird später von Medien in den einprägsamen Satz umgewandelt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Gorbatschow geht über die Straße zu seinen überwiegend jugendlichen Fans. „Gorbi, hilf uns“, schallt es aus der Menge. „Nicht in Panik verfallen, keine Trübsal blasen“, antwortet er.

Ortswechsel. In den Foyers und Wandelhallen des „Palastes der Republik“ flaniert das sozialistische Establishment. Wer zum Festakt geladen ist, hat sich um das Vaterland verdient gemacht. „Helden der Arbeit“ stehen neben Generälen, dekorierte Genossenschaftsbäuerinnen neben Nationalpreisträgern.

Bis spätestens 16.50 Uhr müssen die Geladenen ihre Plätze im Großen Saal eingenommen haben. Punkt 17 Uhr beginnt der Einzug der DDR-Führung mit Ehrengästen, vorneweg Gorbatschow und Erich Honecker.

Der greise, von Krankheit geschwächte SED-Chef reiht in seiner Ansprache schier endlos Phrasen und Klischees aneinander und preist sein Lebenswerk unter dem Motto: „Vorwärts immer – rückwärts nimmer.“ Gorbatschow scheint nicht bei der Sache zu sein. Er scherzt mit seinem Prager Amtskollegen Milos Jakes.

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Parteigründung im Pfarrhaus

Martin Gutzeit sitzt im ersten Stock des evangelischen Pfarrhauses von Schwante und arbeitet am Computer. Während unten im Gemeindesaal darüber geredet wird, wie man den SED-Staat demokratisch umgestalten könne, korrigiert und ergänzt der Theologe Dokumente, über die später abgestimmt werden soll.

Plötzlich rennt ein Teilnehmer der Diskussionsrunde die Treppe hoch und ruft: „Die Stasi kommt.“ In der Hand hat er ein Papier, das er – nicht wissend, dass es sich um einen falschen Alarm handelt – im Bücherregal versteckt.

Es ist eine Urkunde, auf der drei Dutzend Männer und Frauen mit ihrer Unterschrift dokumentieren, dass sie gerade die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) gegründet haben. Unter dem Text steht das Datum: 7. Oktober 1989.

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Mit der Idee, die 1946 von den Kommunisten vereinnahmte Traditionspartei neu zu gründen, haben sich Gutzeit und sein Pfarrer-Kollege Markus Meckel schon seit vielen Monaten beschäftigt. Sie haben Programmentwürfe formuliert, vertrauenswürdige Mitstreiter gesucht und einen Initiativkreis gegründet. Bei der Suche nach einem geeigneten Ort für die konspirative Gründungsversammlung, an der rund 40 Personen teilnehmen, werden sie beim Ortspfarrer in Schwante bei Berlin fündig. Für den Fall, dass ihr Vorhaben von der Stasi vereitelt würde, haben sie schon Tage vorher eine erste Gründungsurkunde ausgefertigt und sie bei einer vertrauenswürdigen Person mit der Auflage deponiert, sie notfalls an westliche Medien weiterzuleiten.

Sicher vor staatlichen Zugriffen fühlen sich die SDP-Gründer während der gesamten Veranstaltung nicht. Dem gastgebenden Pfarrer ist nicht entgangen, dass sich ein Kommando von „Horch und Guck“ am 6. Oktober im Rat der Gemeinde einquartiert hat. Tatsächlich ist die Stasi schon seit Längerem über die Pläne unterrichtet. Die Informationen stammen vom späteren SDP-Vorsitzenden Manfred („Ibrahim“) Böhme, der ein Doppelspiel treibt und Zuträger der Mielke-Truppe ist. Warum das MfS die SDP-Gründung beobachtete, aber nicht einschritt, ist nie eindeutig geklärt worden. Wahrscheinlich fürchtete die Stasi, bei einem Zugriff könnte ihre „Quelle“ enttarnt werden.

Prügelorgie am Geburtstag

Nach der Militärparade auf der Ost-Berliner Karl-Marx-Allee darf das Volk den Staatsgeburtstag am 7. Oktober feiern. Auf dem Alexanderplatz herrscht Volksfeststimmung. Menschen essen Bockwurst, löffeln Erbsensuppe, trinken Bier und lauschen den Märschen einer Polizeikapelle.

Gegen 17 Uhr schlägt die Stimmung um. An der Weltzeituhr sammeln sich vorwiegend jugendliche Demonstranten, rufen „Freiheit“ und „Stasi raus“ und lassen sich auf einen Disput mit einem älteren Genossen ein.

Immer mehr Neugierige umringen die Gruppe. Ein westdeutsches Fernsehteam richtet die Kamera auf die Kontrahenten.

Aus der Ansammlung wird ein Protestmarsch. Spontan. Niemand hat ein Ziel genannt. Am Roten Rathaus vorbei bewegt sich die Menge zum „Palast der Republik.“ In wenigen Minuten sind aus ein paar Dutzend Demonstranten einige Tausend geworden.

Die Reste der Berliner Mauer 2014

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    26. Oktober 201401
    Ein Saxophonspieler lehnt an einem Mauersegment der „East Side Gallery“. Das farbenfrohe Kunstwerk namens „Worlds People – Wir sind ein Volk“ stammt von dem russischen Künstler Schamil Gimajew.
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    26. Oktober 201402
    Der deutsch-iranische Künstler Kani Alavi gestaltete diesen Mauerabschnitt der „East Side Gallery“. Sein Kunstwerk trägt den Titel „Es geschah im November“.
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    26. Oktober 201403
    Der russische Künstler Dmitri Wladimirowitsch Wrubel malte die berühmte Fotografie von Erich Honecker und Leonid Breschnew beim Bruderkuss auf die „East Side Gallery“. Sein Werk trägt den Namen „Mein Gott hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“.
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  • mauerreste-4
    26. Oktober 201404
    Entlang des Parks am Nordbahnhof verläuft ein längeres Stück der Hinterlandmauer. Auf der östlichen Seite joggen viele Berliner durch den Park, auf der anderen Seite – im ehemaligen Todestreifen – wird Beachvolleyball gespielt.
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    26. Oktober 201405
    Der längste erhaltene Teil der Grenzmauer steht an der Bernauer Straße. Er wird seit 2010 durch rostige Eisenstangen ergänzt, die an einigen Stellen durchquert werden können. Die Idee dazu stammt von den Berliner Architekten Luis Mola und Henner Winkelmüller.
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    26. Oktober 201406
    Rostrot leuchten die Stahlstangen auf der ehemaligen Grenze an der Bernauer Straße.
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    26. Oktober 201407
    Ein Holzkreuz an der Bernauer Straße erinnert an die Menschen, die bei der Flucht aus der DDR ermordet wurden.
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    26. Oktober 201408
    Die Grenzmauer an der Niederkirchnerstraße liegt direkt hinter dem Ausstellungsgraben der „Topographie des Terrors“.
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  • mauerreste-9
    26. Oktober 201409
    In der Mauer klafft ein großes Loch, das den Blick auf die Niederkirchnerstraße freilegt.
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    26. Oktober 201410
    Umgeben von Wohnhäusern steht ein denkmalgeschützter Grenzwachturm in der Kieler Straße. Er dient heute als Gedenkstädte für Günter Litfin, der bei seinem Fluchtversuch 1961 als erster Mensch von DDR-Grenzsoldaten erschossen wurde.
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  • mauerreste-11
    26. Oktober 201411
    Auf dem Invalidenfriedhof verblieb ein relativ langer Abschnitt der Hinterlandmauer. Die Tafeln zeigen Originaldokumente zum Tod des DDR-Flüchtlings Günther Litfin und des DDR-Grenzsoldaten Peter Göring.
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  • mauerreste-12
    26. Oktober 201412
    Rechts: Ost-Berlin – Links: Todestreifen. Bis zum 9. November war das die Realität auf dem Invalidenfriedhof.
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  • mauerreste-13
    26. Oktober 201413
    Der ehemalige DDR-Grenzturm in Hennigsdorf dient heute als Museum. Er liegt direkt an der Uferpromenade und lädt viele Fahrradfahrer und Spaziergänger zum Verweilen ein.
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  • mauerreste-14
    26. Oktober 201414
    Die Besucher können Teile der Originaleinrichtung des ehemaligen Grenzturmes sehen.
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  • mauerreste-15
    26. Oktober 201415
    Mit diesem Fernrohr wurde zu DDR-Zeiten nach Flüchtlingen Ausschau gehalten. Heute gewährt es einen tollen Blick auf den Nieder-Neuendorfer See.
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  • mauerreste-16
    26. Oktober 201416
    Im Mauerpark wird die Hinterlandmauer von Graffiti-Künstlern als Übungsfläche genutzt.
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  • mauerreste-17
    26. Oktober 201417
    Am Griebnitzsee in Potsdam erinnert ein Stück Hinterlandmauer mit einem großen Holzkreuz an die Todesopfer an der Berliner Mauer.
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  • mauerreste-18
    26. Oktober 201418
    An der Schillingbrücke unweit des Ostbahnhofs verkaufen Imbissbuden afrikanische und jamaikanische Spezialitäten. Unscheinbar dahinter: Teile der Berliner Mauer.
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  • mauerreste-19
    26. Oktober 201419
    An der Schillingbrücke trifft man auf Mauerkunst mit versteckten Botschaften – und Häuser mit äußerst direkten Botschaften.
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  • mauerreste-20
    26. Oktober 201420
    Auf dem Alten Domfriedhof St. Hedwig der Liesenstraße versteckt sich hinter hohen Sträuchern einer der letzten drei erhaltenen Grenzmauerabschnitte. Die meisten Mauerreste gehören nämlich der Hinterlandmauer an, die direkt an das Ost-Berliner Stadtgebiet angrenzte.
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  • mauerreste-21
    26. Oktober 201421
    Etwa hundert Meter entfernt auf dem Alten Domfriedhof St. Hedwig befindet sich dieses einsame Segment der Hinterlandmauer.
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  • mauerreste-22
    26. Oktober 201422
    Ein Beobachtungsturm der DDR-Grenztruppen in der Erna-Berger-Straße. Er wurde allerdings wegen Bauarbeiten um einige Meter vom Originalstandort versetzt.
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  • mauerreste-23
    26. Oktober 201423
    Teile der Hinterlandmauer stehen am Potsdamer Platz. Sie wurden erst nachträglich wieder aufgestellt und durch Informationstafeln ergänzt.
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  • mauerreste-24-800-450
    26. Oktober 201424
    Separat daneben befindet sich ein einzelnes Mauersegment am Potsdamer Platz.
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  • mauerreste-25
    26. Oktober 201425
    Die Deutsche Waldjugend nutzt diesen ehemaligen DDR-Grenzturm zwischen Frohnau und Bergfelde als Treffpunkt. Angeboten werden dort unter anderem Biologieprojekte für Schulklassen, Führungen durch den Turm und die Umgebung, die Pflanzung von Hochzeitsbäumen und die Imkerei.
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  • mauerreste-26
    26. Oktober 201426
    Tausende DDR-Bürger strömten am 9. November 1989 zum Grenzübergang Bornholmer Straße. Um 23.29 Uhr öffneten die überforderten Grenzposten schließlich das Tor. Informationstafeln gegenüber dem erhaltenen Mauerabschnitt erinnern an diesen historischen Moment.
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  • mauerreste-27
    26. Oktober 201427
    An der Treptower Puschkinallee steht ein denkmalgeschützter, zwölf Meter hoher Wachturm. Der ehemalige Grenzstreifen gehört nun zum Park Schlesischer Busch.
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  • mauerreste-28
    26. Oktober 201428
    Gegenüber dem ehemaligen Grenzturm ist an der Puschkinallee auch noch ein Teil der Hinterlandmauer erhalten geblieben.
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  • mauerreste-29
    26. Oktober 201429
    An der Ecke Neudecker Weg/Rudower Straße umgibt ein Stück Hinterlandmauer den Kiesteich.
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Eilig riegelt die Polizei die Rathaus-Brücke über die Spree ab. Aus dem gläsernen Prachtbau blicken verdutzte Festgäste auf die heranrollende Menschenwoge. Drinnen verabschiedet Honecker gerade die Staatsgäste. „Gorbi, hilf uns“, rufen Demonstranten. Sie werden abgedrängt. „Keine Gewalt“, schallt es der anrückenden Staatsmacht entgegen. Stasi-Chef Mielke lässt sich von Untergebenen die Situation erläutern. Es gibt erste Festnahmen. Der Demonstrationszug bewegt sich in Richtung Prenzlauer Berg. Vor der Zentrale der staatlichen Nachrichtenagentur ADN skandieren Menschen: „Lügner.“ Aus einer Hofeinfahrt stürzen sich zivile Schlägertrupps auf die Rufer. Einige werden weggezerrt und verprügelt.

An der Dimitroffstraße wird erstmals eine Polizeikette durchbrochen. „Happy Birthday Polizeistaat“, singen junge Leute. Vor der Gethsemanekirche sehen sich die Demonstranten eingekesselt. Sie sind jetzt Freiwild für Stasi-Kommandos, die in Bussen hinterherkommen. Auch Volkspolizisten schlagen zu. Ein Passant, der beruhigend auf die Uniformierten einredet, wird selbst gepackt und fortgezerrt. Menschen flüchten in Panik in die Kirche. Der Sicherheitsapparat beherrscht wieder die Straßen. Im Gotteshaus macht Bischof Gottfried Forck den Bedrängten Mut. Er habe vom Polizeipräsidium die Zusage erhalten, dass alle, „die hier Unterschlupf gefunden haben“, unbehelligt nach Hause könnten.

Pfiffe für die Funktionäre

Am Sonnabend, den 4. November 1989, erlebt Günter Schabowski einen der schlimmsten Tage seiner Parteikarriere. Der Berliner Bezirkschef der SED steht auf einer provisorischen, mobilen Bretterbühne und schaut irritiert auf eine riesige Ansammlung von Menschen, die den Alexanderplatz füllen. Als er davor warnt, die errungenen Fortschritte auf den Scheiterhaufen zu werfen, erntet er wütende Pfiffe. „Aufhören, aufhören “, skandieren die Leute. Immer wieder werden seine Worte von Buh-Rufen begleitet. Nicht besser ergeht es dem Stasi-General Markus Wolf, als er darum bittet, die Angehörigen des Geheimdienstes nicht „zum Prügelknaben der Nation“ zu machen. Auch er wird gnadenlos ausgepfiffen. Die Hoffnung beider Redner, sie könnten als „reformorientierte“ Vertreter der alten Macht beim Volk Punkte gutmachen, ist unter den Unmutsbekundungen zerstoben.

„Visafrei bis Hawai“, „Das Volk sind wir, gehen sollt ihr“, „Mein Vorschlag für den 1. Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei“

An diesem Tag erlebt Berlin die größte, nicht von der kommunistischen Staatsmacht organisierte Kundgebung in der Geschichte der DDR. Sie verändert das Land. Schauspieler haben sie offiziell angemeldet und als Motto vorgegeben: Demonstration für Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Das DDR-Fernsehen überträgt live. Die Veranstalter haben mit der Polizei eine Sicherheitspartnerschaft geschlossen und stellen Hunderte Ordner, die an einer Schärpe „Keine Gewalt“ zu erkennen sind. Die Zuschauer daheim und Hunderttausende, die das Geschehen vom Platz und den angrenzenden Straßen aus verfolgen, hören Reden, wie sie im eigenen Land schon seit Jahrzehnten öffentlich nicht zu hören gewesen sind.

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„Es ist, als habe einer das Fenster aufgestoßen“, ruft der Schriftsteller Stefan Heym der Menge zu. „Nach all den Jahren der Stagnation, von Dumpfheit und Mief und Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür.“ Jubel, als Christa Wolf „die Wendehälse“ aufs Korn nimmt und die Schauspielerin Steffie Spira das Kommando an das Politbüro ausgibt: „Abtreten.“ „Heute sind wir hierhergekommen, offener, aufrechter, selbstbewusster“, sagt Pfarrer Friedrich Schorlemmer. Am erstaunlichsten aber sind die zahlreichen Transparente und Plakate, auf denen Bürger öffentlich verkünden, was ein paar Wochen zuvor nur heimlich gedacht wurde. Mancher Teilnehmer der Kundgebung holt Stift und Papier aus der Tasche und notiert, was er an Parolen sieht: „Eure Politik ist zum Davonlaufen“, „Visafrei bis Hawai“, „Das Volk sind wir, gehen sollt ihr“, „Mein Vorschlag für den 1. Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei.“

Die Mauer im Detail

Der Todesstreifen

Die Berliner Mauer war weit mehr als nur eine hohe Barriere aus Beton. Der mit umfangreichen Systemen gesicherte Mauerstreifen hatte eine Breite von 30 bis 500 Metern. Bis in die Achtzigerjahre wurde die Grenzanlage zwischen Ost- und West-Berlin zu einem schier unüberwindbaren Hindernis ausgebaut.

Der Verlauf der Mauer

Die Berliner Mauer rund um West-Berlin hatte eine Länge von fast 160 Kilometern. Auf etwa 45 Kilometern trennte sie Berlin in zwei Teile. Acht Grenzübergänge  gab es zwischen Ost- und West-Berlin. Während West-Berliner dort ohne Probleme in den Ostteil der Stadt gelangen konnten, war Ost-Berlinern ein Besuch im anderen Teil der Stadt in der Regel nicht gestattet.

Die Nacht,
in der die Welt farbig wird

Der 9. November 1989 wird für viele Menschen unvergessen bleiben. Eine langjährige Redakteurin der Berliner Zeitung war damals selbst am Grenzübergang Bornholmer Straße und erinnert sich.

Von Ingeborg Ruthe

Damals, in den Wochen vor dem Mauerfall, fühlte ich mich wie ein Wassertropfen im Meer, wie ein Sandkorn am Strand. Nicht verloren, sondern gestärkt, mitgerissen von all denen, die sich wie ich nach Veränderung sehnten. Und ich fühlte mich zugleich ganz und gar als Individuum: staunend, ungläubig, verwirrt, schließlich euphorisch. Und wohl auch ein bisschen beklommen in diesen Menschenmassen, die in Bewegung gekommen waren, in diesem Strudel, einem Strudel, der erst einer der Wut war, dann einer der Ermutigung, schließlich ein Strudel der unbändigen Freude. Dieser Strudel trug mich am 9. November 1989 auf der Bornholmer Straße über eine Brücke, die zu meiner liebsten wurde.

Doch von vorn. Es lag alles förmlich in der Luft, schon seit dem Sommer ’89. Es heißt, einem Farbenblinden fehle nichts, wenn er die Welt sieht. So gesehen, lebten damals in dem Land, aus dem ich stamme, Millionen von Farbenblinden. Doch es gab auch andere. Die, die im Jahr 1989 gen Westen abhauten, weil sie die große weite Welt endlich farbig sehen wollten. Und die, die blieben im Mauerland, aber genau die gleiche Sehnsucht nach Welt und Farbe hatten. Sie machten diese Sehnsucht zur Forderung, in Kirchen, auf Foren, Bühnen, vor allem auf den Straßen, immer angstloser, mit lautstarken Rufen, Kerzen, Transparenten, oft heftig konfrontiert mit den anfangs noch rabiat zugreifenden Uniformierten der Staatsmacht.

Ich war mittendrin damals, „mittenmang“, wie der Berliner sagt. Und alles, was damals geschah, erscheint mir heute, 25 Jahre später, gegenwärtig und unwirklich zugleich.

Halloween in Ost-Berlin

Am 7. Oktober, dem letzten Republik-Geburtstag, gibt das vergreiste Politbüro der SED seine letzte Gespenster-Gala: Halloween in Ost-Berlin. Am späten Abend des 8. Oktober werden Demonstranten, die aus der Berliner Gethsemanekirche, dem Protestcamp in der Hauptstadt der DDR, kommen, von Stasi-Bütteln verhaftet. Nur einen Tag später entscheiden die Montags-Demonstranten aus der Leipziger Nikolaikirche das Schicksal für sich: Es wird nicht geschossen, nicht mehr verhaftet. Die Staatsmacht kapituliert, mit diesem Protest-Meer aus friedlichen Kerzenlichtern hat man nicht gerechnet. Am 4. November dann ziehen die, die im Land geblieben sind, aber ein anderes, freieres Staatswesen wollen, auf den Berliner Alexanderplatz. Eine Million Demonstranten versammeln sich und lauschen den Rednern. Es ist vorbei mit dem vormundschaftlichen Staat, den hohlen Phrasen, den verlogenen Parolen.

Dann kommt der 9. November. Jedes Jahr aufs Neue ein Anlass zum Nachdenken über Politik und deutsche Geschichte. Die Reichskristallnacht 1936, das entsetzliche Pogrom der Nazis gegen die jüdischen Mitbürger, hat das Datum für alle Zeit markiert.

Der 9. November im Zeitraffer

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9.00 Uhr: Treffen im DDR-Innenministerium

Vier Offiziere entwerfen im Auftrag des Politbüros eine neue Ausreiseregelung. Die Beteiligten sind sich schnell einig, dass es nicht nur für die ständige Ausreise aus der DDR eine Regelung geben müsse, sondern auch für Besuchsreisen.
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10.00 Uhr: Beratung des SED-Zentralkomitees

Beginn des zweiten Beratungstages des SED-Zentralkomitees. Egon Krenz war seit dem 17. Oktober 1989 als Nachfolger Erich Honeckers SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender der DDR.
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12.00 Uhr: Beschluss der neuen Reiseregelung

In einer Raucherpause bestätigen die Mitglieder des Politbüros den am Vormittag ausgearbeiteten Entwurf zur neuen Reiseregelung. Der Entwurf wird an den DDR-Ministerrat weitergeleitet.
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14.30 Uhr: Helmut Kohl reist nach Polen

Bundeskanzler Helmut Kohl trifft mit einigen Ministern, unter anderem Außenminister Friedrich Genscher, zu einem mehrtägigen Staatsbesuch in Polen ein.
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15.00 Uhr: Feinarbeiten am neuen Reisegesetz

Im DDR-Innenministerium und bei der Stasi laufen die Feinarbeiten für die neue Reiseregelung. Auf beiden Seiten ist man sich einig, dass bei Privatreisen auch weiterhin ein Visum erforderlich sein soll.
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16.00 Uhr: Beschluss im Zentralkomitee

Egon Krenz verliest den fertigen Gesetzentwurf im SED-Zentralkomitee, der ohne größere Diskussionen durchgewinkt wird. Offenbar ist den ZK-Mitgliedern die Tragweite nicht bewusst.
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17.30 Uhr: Schabowski erhält Pressemitteilung

Egon Krenz übergibt Günter Schabowski, Sprecher des SED-Zentralkomitees, die Beschlussvorlage für das neue Reisegesetz. Über die vereinbarte Sperrfrist bis zum 10. November 4.00 Uhr morgens erzählt er Schabowski aber nichts.
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18 Uhr: Beginn der Pressekonferenz

Die Pressekonferenz mit Günter Schabowski mit den internationalen Medienvertretern wird aus dem Pressezentrum in der Berliner Mohrenstraße live im DDR-Fernsehen und -Hörfunk übertragen.
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18.53 Uhr: Schabowski gibt Reiseregelung bekannt

Erst kurz vor Ende der Pressekonferenz und nach mehreren Nachfragen sagt Günter Schabowski zur neuen Ausreiseregelung: „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich.“
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19.05 Uhr: Erste Eilmeldung über DDR-Grenzöffnung

Die Nachrichtenagentur AP meldet „DDR öffnet Grenze“, die Deutsche Presse-Agentur DPA schickt 19.41 Uhr die Nachricht „DDR-Grenze ist offen.“ 20.00 Uhr beginnt die Tagesschau mit der Top-Meldung „DDR öffnet Grenze.“
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19.30 Uhr: Ost-Berliner versammeln sich an Grenzübergängen

Eine gute halbe Stunde nach der Schabowski-Pressekonferenz, die live im DDR-Fernsehen übertragen wurde, stehen am Grenzübergang Bornholmer Straße bereits 100 bis 200 Ost-Berliner. Sie forderten ihre sofortige Ausreise.
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21.30 Uhr: Helmut Kohl erfährt von den Ereignissen

In Warschau endet das Staatsbankett. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl erfährt von den Ereignissen in Berlin und fühlt sich am falschen Ort. Kohls wichtigste Überlegung: Wie kommt er so schnell wie möglich nach Berlin.
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22 Uhr: Egon Krenz ist zurück im Büro

Stasi-Chef Mielke berichtet von der Lage an den Grenzübergängen. Krenz muss entscheiden: Grenze verstärken, auch mit Hilfe von Panzern – oder „den Dingen freien Lauf lassen“, wie er selbst sagt. Er entscheidet sich für die zweite Variante.
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22.30 Uhr: Unterschiedliche Berichte in Ost und West

Die „Aktuelle Kamera“ versucht die Euphorie zu bremsen. „Die Reisen müssen beantragt werden!" Die ARD-Tagesthemen haben einen ganz anderen Tenor. „Die Tore der Mauer stehen weit offen“, Moderator Hanns Joachim Friedrichs.
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23.29 Uhr: Komplette Grenzöffnung an der Bornholmer Straße

Immer mehr Menschen drücken auf den Grenzübergang in der Bornholmer Straße. Eine bedrohliche Lage: Oberstleutnant Harald Jäger entscheidet, den Grenzübergang zu öffnen und die Kontrollen einzustellen.
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1 Uhr: Party am Kurfürstendamm und Brandenburger Tor

Am Wahrzeichen Berlins erklimmen Hunderte Menschen die Mauer. Auf der Westseite arbeiten die ersten Mauerspechte. Der Kurfürstendamm verwandelt sich zur Partymeile.
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Am frühen Abend dieses 9. November sitze ich mit einer Freundin in  der Gethsemanekirche, so wie alle paar Abende in dieser Zeit. Die schmucklos preußische Backsteinkirche ist für Hunderte – die bis dahin wohl kaum zu den Kirchgängern gezählt haben – Zufluchts- und Verständigungsort, Versammlungspodium, Kreativzentrum. Da gibt es Informationen der Bürgerbewegung, Aufklärung, Ermutigung für Ängstliche, Verzweifelte, Zaghafte. Ich weiß noch, wie an diesem Abend Pfarrer Ullmann, Konrad Weiß und Ulrike Poppe von der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ reden, eine lange Liste freiheitlicher Bürgerrechte formulieren, die man der DDR-Regierung vorlegen will, an deren Spitze inzwischen Erich Honeckers Thronfolger Egon Krenz gerückt ist: Alter Wein in neuen Schläuchen, wie es zweifelnd heißt.

Es wird viel geredet und musiziert an diesem Abend, junge Leute mit Gitarren singen im Altarraum „We shall overcome“. Und plötzlich steht der schon 1988 erst verhaftete, dann aus der DDR ausgebürgerte Dissident Wolfgang Templin am Mikrofon. Er sagt, er sei jetzt wieder da; es habe ihn nicht mehr gehalten im Westen. Irgendwie ist er über die Grenze gekommen, zurück nach Ost-Berlin. „Der ist  völlig verrückt! Der macht doch Harakiri“, sagen die einen. „Der hat eben Mut“, sagen die anderen. Templin redet auf die zusammengewürfelte „Gemeinde“ charismatisch ein wie Martin Luther King. Er sagt, es werde sich in der DDR alles ändern, ein freies demokratisches Land werde erstehen. Er werde bleiben, egal, wie lange es noch dauern werde. Und wir, schwer beeindruckt von diesem Hasardeur, glauben, er werde fortan in der Kirche leben müssen, dem einzigen Schutzraum, der sich bietet in diesen Tagen.

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Langsam leert sich die Kirche; diesmal bleibt die sich anschließende Demo aus. Irgendetwas liegt in der Luft, alle strömen dahin, wo man Nachrichten hören, Fernsehen gucken kann. Am Abend, so haben wir gehört, soll es eine außerordentliche Pressekonferenz des neuen SED-Zentralkomitees geben. Wir sind inzwischen alle regelrechte Nachrichten-Junkies geworden, jede noch so winzige Verlautbarung, jedes Gerücht saugen wir auf wie Schwämme, wir interpretieren, vermuten, hoffen.

Daheim in der Greifswalder Straße dann, vor dem Fernseher. Die Pressekonferenz wird ausgestrahlt. Politbüro-Mitglied Günter Schabowski, ein damals viel gefragter Vertreter der moderaten Fraktion in dem reichlich verwirrten Verein, liest vor laufenden Kameras von einem kleinen Zettel die neue, großzügige Reiseregelung ins westliche Ausland für DDR-Bürger ab. Als ein Reporter fragt, ab wann, antwortet er, dass dies seines Wissens ab sofort so gelte. Wir sitzen wie geplättet in den Wohnzimmer-Sesseln. Was? Wie? Wann? Und wo?

Trabis, Ladas, Wartburgs, Skodas voller Leute

Dann klingelt es Sturm, der Nachbar ruft: „Was sitzt ihr denn noch hier rum? Die machen die Mauer auf!“ Er hat ein Telefon, ist angerufen worden von Freunden, die nahe der Mauer zwischen Prenzlauer Berg und Wedding wohnen. Was tun? Aufbrechen natürlich. Die ganze Familie samt Besuch aus Sachsen setzt sich in den alten Lada. Auch die ängstliche junge Nachbarin, die ihr schlafendes Kind zu Hause lässt, ist dabei.

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Wir sind nicht allein, viele sind in ihren Autos unterwegs. Wohin? Das weiß keiner so genau. Bornholmer Straße, das ist das Stichwort, das Ziel, wir folgen den Massen, alle rufen, dort sei die Mauer offen. Nach zehn Minuten endet die Fahrt in einer Blechlawine. Trabis, Ladas, Wartburgs, Skodas voller Leute. Und alle bleiben schon in der Wisbyer Straße und auf der Schönhauser Allee  stecken. Wir lassen das Auto einfach stehen, die anderen auch, irgendwo, auf den Bürgersteigen, auf den Mittelstreifen. Verkehrspolizei ist nicht zu sehen.

Die Karawane zieht erwartungsvoll, aber, so wie ich selber, auch mit gemischten Gefühlen die Bornholmer Straße runter. Dann sehen wir, ungläubig zunächst, dass die Mauer zum Wedding hin offen ist: Zwei, drei Betonsegmente sind entfernt und zur Seite gerückt worden.

Seltsam ruhig, ohne Drängeln und Schubsen, zeigt jeder von uns  den DDR-Grenzern den blauen Ausweis – und die winken durch. Grell leuchtet das Scheinwerferlicht. Die Grenzer, überrumpelt, überfordert, schwitzen. Ihre Mützen sind verrutscht; viele haben Spuren von Lippenstift auf den Wangen, von den Dankesküssen; manchen haben Passanten Blumen ans Revers gesteckt. Bizarr, dieser Anblick, welch herrlich verkehrte Welt!

Nur weg, rüber. Jetzt oder nie.

Vor uns, in der bemerkenswert disziplinierten Schlange, die durch die Mauerlücke will, stehen auch Familien: Kinder, bleichgesichtig, übernächtigt und noch im Schlafanzug, in und auf Kinderwagen. In Handwagen türmen sich Hausgerät, Koffer, Bündel, Bettzeug. Nur weg, rüber. Jetzt oder nie. Es sind die Ungläubigen, die diese  fünf, sechs Meter Maueröffnung nur für ein Zeitfenster halten, das sich bald schon wieder schließen könnte.

Die  Masse brandet an der Bornholmer Brücke an. Tanzende, singende Menschen, Fremde liegen sich in den Armen, Trommeln ist zu hören, laute Pop-Musik, Gesänge.

Mir ist, als liefe ein irrer Film ab, bei dem auch ich plötzlich eine nicht zu unterschätzende Statistenrolle habe. Ich stehe unter den imposanten Eisenbögen und Kragarmen der alten Gründerzeitbrücke  – im französischen Sektor von West-Berlin. Soll, muss, aber kann es kaum fassen. An die Gesichter der jubelnden Menge, Ost-Berliner, West-Berliner, kann ich mich nur noch schemenhaft erinnern, die markante Brückenarchitektur mit ihren grau gestrichenen Eisenformen und den martialischen Schrauben aber prägt sich mir ein wie eine Fotografie. Andere mögen das Bauwerk für banal, ja, unscheinbar halten – für mich ist es seither meine Berliner Lieblingsbrücke.

Und von der regnet es in jener Berliner Nacht der Nächte Schokolade und Bananen auf die Ankömmlinge aus dem Osten herunter. Ein Wolkenbruch der Euphorie. Die junge Nachbarin stopft sich für ihr daheim schlafendes Kind die Manteltaschen voll. Befremdlich, gar ironisch ist dieser Süße-Gaben-Regen überhaupt nicht. Wir sind höchstens verdattert. Verwirrt und noch ungläubig eben. Warum sonst muss ich so sehr an den Spruch von der Oma denken, die gesagt hat: „Kind, versuche nie, zu nahe an Gott ranzuklettern, sonst schüttelt er womöglich den Baum …“

Irgendwann, tief in der Nacht, gehen wir müde nach Hause. An Schlaf ist aber nicht zu denken. Ich glaube, so viel Kaffee habe ich seither nie wieder getrunken. Mein Mann holt das Auto, das steht auf dem Straßensaum nahe der Weißenseer Spitze, gegenüber der damaligen HO-Kaufhalle; zum Glück haben wir uns das in all dem Chaos und Trubel gemerkt. Am Morgen bin ich früher als sonst zur Arbeit gegangen. Alle Kollegen sind da, aber nicht unsere Gedanken.

Mittags fahre ich nach West-Berlin, mit einer Kollegin, die sich alleine nicht traut. Wir besuchen die Neue Nationalgalerie, die Wärter lassen uns ohne Eintritt hinein, als sie hören, von wo wir kommen. Ich stehe wie magnetisiert vor Barnett Newmans „Wer hat Angst vor Rot, Blau, Gelb“. Davon besaß ich bislang nur eine Postkarte. Nun kann ich das Bild sehen, so oft ich will.

Eine Nacht,

zwölf Geschichten

Mitarbeiter der Berliner Zeitung erzählen, wie sie die Nacht des Mauerfalls erlebt haben. Von Verbrüderungen mit polnischen Musikern bis zu einem Mauersprung in den Osten ist alles dabei.

Berlin-Memory

Erinnern Sie sich an Ost-Berlin vor dem Fall der Mauer? Machen Sie mit bei unserem Memory-Spiel und finden Sie Bildpaare von bekannten Orten damals und heute.

Spielzeit:

Zeit zurücksetzen

Spielen

Die Spielzeit betrug .

Nochmal spielen

Alle Fotos vor dem Mauerfall: imago • Alle Fotos nach dem Mauerfall: Tycho Schildbach

Ein neues Land

Für die meisten DDR-Bürger bedeutet der Mauerfall einen radikalen Neuanfang. Die Ostdeutschen haben erstmals die Chance, ihr Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen. Die Geschichte eines Galeristen, der sich aufmacht, die Kunstwelt zu revolutionieren.

Von Maxim Leo

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Judy Lybke sitzt in einem japanischen Restaurant in Berlin-Mitte, stochert in einem Reisschälchen und redet mit seiner Tochter Zara über den Zweiten Weltkrieg. Lybke ist braun gebrannt, wirkt entspannt. „Hongkong war ein richtiger Erfolg“, sagt er. „Wir haben die ganze Stadt in Aufruhr versetzt.“ Carsten Nicolai aus Karl-Marx-Stadt, einer der Künstler, die Lybke seit fast dreißig Jahren vertritt, hatte auf der Art Basel in Hongkong die Skyline illuminiert. Tausende Spots ließen das höchste Gebäude der Stadt im Takt von Nicolais Elektro-Sound tanzen. Auf den Piers standen die Leute mit Champagnergläsern und bewunderten eine der größten Licht-Ton-Installationen, die es je gab. „Danach haben wir gut verkauft“, sagt Lybke und lächelt.

Dieses Spektakel von Hongkong ist womöglich ein ganz gutes Beispiel um zu erklären, wie es Gerd Harry Lybke, genannt Judy, gelungen ist, in den vergangenen 25 Jahren zu Deutschlands wichtigstem Galeristen zu werden. Seine Methode ist immer die gleiche: Auffallen, verkaufen, und nicht vergessen, worum es wirklich geht. Und worum geht es wirklich? „Unsterblichkeit“, sagt Lybke. Er spricht dieses Wort mit großer Ernsthaftigkeit aus, ohne jegliche Lakonik, ohne die mindeste Übertreibung. Dieser Mann, der mal Kosmonaut werden wollte, um der kleinen, beengenden DDR ins große Weltall zu entkommen, hat es nun auf andere Weise in höchste Höhen geschafft.

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Wichtig war dabei von Anfang an die mythische Aura, die Lybke um sein Leben zauberte, die vielen unglaublichen Geschichten, die herrlichen Anekdoten und schicksalhaften Momente, von denen er stets mit Genuss berichtete und die sich über die Jahrzehnte zu einer funkelnden Helden-Saga verdichteten. Die Saga beginnt in Meusdorf bei Leipzig, wo Gerd Harry am 8. März 1961 als Sohn eines Zimmermanns und einer Wäscherin geboren wird und in der Nähe eines Schweinestalls aufwächst. Dass auch Jesus der Sohn eines Zimmermanns war und seine Geburt eng mit einem Stall verknüpft war, ist übrigens eine rein zufällige Parallele.

Gerd Harry ist ein zarter, blonder Junge und ähnelte der Überlieferung nach dem Hauptdarsteller einer US-Serie, die zu der Zeit im Westfernsehen läuft. Der Junge aus dem Fernsehen heißt Jody, die Sachsen sagen „Dschudi“. So kommt ein fünfjähriger ostdeutscher Knabe zu einem amerikanischen Spitznamen. Es folgte die Sache mit dem Kosmonauten. Nach einer Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenmonteur bekommt Lybke einen Studienplatz für Atomkraftwerkstechnik in der Sowjetunion. Aber erst einmal muss er zur Armee. Dort schreibt er „Macht Liebe, nicht Krieg“ an die Kasernenmauer und wird zur Strafe in die Bibliothek versetzt, wo es sehr langweilig ist, weshalb Judy Lybke mit dem Lesen beginnt. Er geht alphabetisch vor, beginnt mit Aitmatow. Als er bei Proust ankommt, ist der Militärdienst endlich vorbei. Der Vorbereitungskurs für das Studium in der Sowjetunion findet ebenfalls auf einem Kasernengelände statt, weshalb Lybke da gar nicht erst hingeht. Der Staat straft den Undankbaren mit einem Studien- und Berufsverbot.

Lybke geht als Aktmodell an die Leipziger Kunstakademie, weil er dort die schönsten Frauen vermutet. 1983 gründet er die Galerie Eigen+Art, bei seiner ersten Ausstellung begrüßt Lybke die Gäste splitternackt, weil er das mit dem Auffallen schon damals begriffen hat. An der Akademie lernt er einen Studenten kennen, der Neo Rauch heißt. Seine Galerie hat so viel Zulauf, dass Lybke das Schloss aus der Tür entfernt. Die Stasi schickt fünf Leute, die mit ihren Berichten achtzehn Ordner füllen, die heute für jedermann zugänglich in der Galerie in der Leipziger Baumwollspinnerei stehen.

Soweit die Vorgeschichte, deren Erzählung für Judy Lybke reine Routine ist, und zwischen einem Teller Sushi, einer Portion Ente kross und einer Auswahl von gegrilltem Gemüse erledigt werden kann, unterbrochen nur zuweilen von seiner schlauen Tochter, die ihren Vater zurechtweist, wenn eine aktuelle Ausschmückung der Legende sich zu weit vom bekannten Topos entfernt. Lybke isst mit viel Genuss, bevor er sich gut gelaunt zu seinem Kunstlabor in der ehemaligen jüdischen Mädchenschule aufmacht.

Zunächst einmal läuft er aber gemächlich die Auguststraße hinunter, diese wichtigste Kunstmeile von Berlin, in der eine Galerie auf die andere folgt. Lybke war 1992 einer der ersten, die sich hier niederließen, die dafür sorgten, dass Berlin-Mitte in der internationalen Kunstwelt ein Ort von Bedeutung wurde. Wer Lybkes eigene Bedeutung noch nicht kennt, der muss ihn nur auf diesem kurzen Spaziergang beobachten. Wie König August persönlich schlendert er in seinem hellen Maßanzug den Bürgersteig entlang, schüttelt hier eine Hand, nickt dort jemandem zu, grinst, winkt, plaudert. Er selbst wirkt dabei unaufgeregt, in den Blicken der anderen schimmert der Respekt, flackert der Neid, lodert die Bewunderung.

Die marode Auguststraße wird nach der Wende zur wichtigsten Kunstmeile Berlins

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    16. Oktober 2014Slider-Auguststraße-01
    Die Auguststraße liegt in der Spandauer Vorstadt in Mitte. Bei Ost-Berlinern ist die Wohngegend vor dem Mauerfall weniger beliebt.  Auf dem Foto zu sehen: Die Ecke Auguststraße/Kleine Hamburger Straße im März 1989.
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    16. Oktober 2014Slider-Auguststraße-02
    Zu DDR-Zeiten verfallen die Wohnhäuser zusehends. Reparaturen und Sanierungen sind eher selten. Das Foto zeigt eine Straßenansicht im Juli 1989.
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    16. Oktober 2014Slider-Auguststraße-03
    Die Heckmann-Höfe sind neben den Hackeschen Höfen wohl die bekanntesten der typischen Berliner Innenhöfe. Der Name stammt vom einstigen Besitzer, dem Fabrikanten Reinhold Heckmann. Das Foto zeigt den Zugang in der Auguststraße im Juli 1989.
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    16. Oktober 2014Slider-Auguststraße-04
    Auch an der Ecke Auguststraße/Tucholskystraße, wo ein Schriftzug vom Restaurant „Jubinal“ zeugt, bröckelt im Sommer 1989 der Putz von der Fassade.
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    16. Oktober 2014Slider-Auguststraße-05
    Nur wenig später: Graffiti und Veranstaltungsplakate an den Wänden, ein bunt bemalter Trabant am Straßenrand. Die Auguststraße, hier drei Jahre nach dem Mauerfall 1992, entwickelt sich zum Ort der Kunstszene.
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    16. Oktober 2014Slider-Auguststraße-06
    Im Jahr 1993 dient Kunst in der Auguststraße als Protestmittel. Die Wandmalerei richtet sich gegen die Olympiabewerbung der Stadt. Wenige Monate später muss Berlin seine Olympia-Ambitionen begraben.
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    16. Oktober 2014Slider-Auguststraße-07
    Auch das bekannte Postfuhramt in der Oranienburger Straße reicht bis zur Auguststraße. Die Aufnahme des Hinterhofs stammt von 1993, zwei Jahre später wird der Postbetrieb dort eingestellt. Danach ist auch das Postfuhramt lange Zeit ein Ort der Kunst.
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    16. Oktober 2014Slider-Auguststraße-08
    Diese Aufnahme eines maroden Wohnhauses in der Auguststraße stammt nicht etwa aus der Nachkriegszeit, sondern entstand im Mai 1993.
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    Zwischen Linien- und Auguststraße liegt einer der wenigen Sportplätze in Mitte. Im Sommer 1993 kicken die Fußballer dort noch auf Sand. Im Hintergrund zu lesen: „treudeutsch – dummdoof – dummdeutsch – treudoof!“ Ein Jahr später wird der Platz saniert.
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    16. Oktober 2014Slider-Auguststraße-10
    Es passiert etwas in der Auguststraße. Baugerüste zeugen im Sommer 1993 vom beginnenden Wandel zur heutigen Kunstmeile.
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    16. Oktober 2014Slider-Auguststraße-11
    Auch Streetart gehört zur Auguststraße. Eine Straßenlaterne haben Künstler blau gestrichen und mit gelber Farbe „Be Happy“ („Sei glücklich“) geschrieben. Im Hintergrund zu sehen: Die Anzahl der Fahrzeuge und mit ihr die Geschäftigkeit in der Straße steigt.
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    Nicht jede Neuerung kommt gut an. Mit diesem Transparent protestieren Anwohner im August 1994 gegen einen Bauunternehmer, der zwischen Oranienburger Straße und Auguststraße umfangreiche Neu- und Umbauten plant.
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    Schmierereien an der Fassade, bröckelnder Putz, herunterhängende Kabel und notdürftig geflickte Fensterscheiben: Auch im Jahr 1997 ist die Auguststraße noch weit entfernt vom heutigen Mitte-Schick.

Er stößt die Tür auf zu seiner Galerie, in der ein Schwarm junger, gut aussehender Assistentinnen hinter einem weißen Tresen bereitsteht. Die Damen begrüßen den Meister im Chor. Der breitet die Arme aus und weist in die Tiefe des Raumes, als wollte er sagen: So, mein verehrter Zeitungsreporter, hast Du in Deinem ganzen Leben schon so eine geile Galerie gesehen? Und es ist wirklich schön, ganz in Weiß, bis auf die Betontreppe, die in den ehemaligen Keller führt, aus dem nun fast sechs Meter hohe Wände wachsen, weil die Decke zum Erdgeschoss entfernt wurde. Das Ganze wirkt kalt und streng – wie das Loft einer kunstinteressierten Eskimofamilie. Dazu passen die kühlen Bilder von Tim Eitel, die gerade hier hängen. Verlorene Menschenschatten, die im Nebel nach der schwarzen Sonne suchen.

Etwa da, wo jetzt der Tresen steht, sagt Lybke, war früher das Zimmer, in dem er gewohnt hat. Eine Badewanne und ein Bett standen dort, mehr brauchte er gar nicht. Das Zimmer gibt es schon lange nicht mehr, es ist im weißen Loft verschwunden. Das ist, wenn man so will, die kürzeste Parabel auf das Leben des Gerd Harry Lybke.

Die längere Version beginnt im Frühjahr 1990, als Lybke mit seinen Malern zum ersten Mal zur Kunstmesse nach Frankfurt am Main fährt. Dummerweise hat Lybke nur drei Zeichnungen mitgenommen, weil er gar nicht dachte, dass sie wirklich etwas verkaufen würden. Als die Zeichnungen weg waren, entdeckte er in einem Müllraum große Packpapierbögen, mit denen die Galeristen aus dem Westen ihre Bilder eingeschlagen hatten. Lybkes Künstler machten im Müllraum neue Zeichnungen, die Lybke vorne am Stand verkaufte, so lange, bis die Messe zu Ende war. Mit zwei Koffern voller Westgeld fuhr er nach Hause zurück.

Zwei Überzeugungen begannen sich zu dieser Zeit im Westen durchzusetzen. Erstens: Im Osten wird immer auf Packpapier gemalt. Zweitens: Lybke verkauft immer besser als alle anderen. Im Grunde hatte Lybke da bereits den Traum vom verstorbenen SED-Generalsekretär Walter Ulbricht erfüllt: Er hatte die Westler überholt, ohne sie je einholen zu müssen.

»Wir hatten doch nichts zu verlieren«

Mit dem Geld von der Kunstmesse fährt Lybke 1990 nach Tokio und eröffnet dort eine temporäre Galerie, dasselbe macht er später in Paris. Wirtschaftlich sind die Aktionen ein Desaster, aber sie bringen erneut Aufmerksamkeit. Die Kunstbranche fragt sich, wer dieser seltsame Ostdeutsche ist, der auf einen Streich die ganze Welt erobern will. Große Teile der ostdeutschen Kunstszene warten zu dieser Zeit erstmal ab. Nur Lybke tanzt schon mal los, mit einer Leichtigkeit, die außer ihm keiner aufbringt. „Wir hatten doch nichts zu verlieren“, sagt er.

1993 geht er nach New York, er klingelt bei Leo Castelli, einem der mächtigsten Kunsthändler der damaligen Zeit, und fragt, ob er mit seiner Galerie für ein paar Monate ins Penthouse im 14. Stock einziehen darf. New York ist in der Krise, Castellis Haus steht fast leer. Lybke bietet im Gegenzug für einen kräftigen Mietnachlass an, morgens auf allen Etagen das Licht anzumachen, damit es so aussehe, als liefe das Geschäft. Castelli gefällt der freche Sachse, er macht ihn mit ein paar Leuten bekannt. 1995 nimmt die Galerie Eigen+Art erstmals an der New Yorker Armory Show teil. Roberta Smith, die Kritikerin der New York Times, bleibt lange vor einem Bild von Neo Rauch stehen. Später schreibt sie, dieser Maler könnte die kommenden Jahrzehnte prägen.

Im selben Jahr beginnen drei junge westdeutsche Künstler ihr Malereistudium in Leipzig. Sie heißen Matthias Weischer, Tim Eitel und David Schnell. Zur Jahrtausendwende nimmt Lybke sie in seiner Galerie auf, kurze Zeit später beginnt der Hype um die sogenannte Neue Leipziger Schule. Lybke sagt, Leipzig sei eben der einzige Ort gewesen, an dem niemand mitbekommen habe, dass die Malerei längst für tot erklärt wurde.

„Die haben immer weitergemacht und dann war es plötzlich wieder in.“ Auf einmal fliegen amerikanische Sammler in Privatjets am Leipziger Flughafen ein, die Galerie erzielt auf den wichtigsten internationalen Kunstmessen Rekorderlöse. Hollywood-Stars wie Brad Pitt, Leonardo DiCaprio oder Dustin Hoffmann rufen bei Lybke an und betteln um Bilder.

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Wie hat Judy Lybke es geschafft, nicht durchzudrehen, nicht zu gierig zu werden, locker zu bleiben? Er steht vor seiner Galerie im Sonnenschein und überlegt. „Gute Frage eigentlich“, sagt er schließlich. „Mir hat wohl geholfen, dass ich Geld nie besonders wichtig fand. Es ist ein Transportmittel, um eine Idee, ein Unternehmen voranzubringen, aber mehr auch nicht.“

„Ist vielleicht so ein ostdeutsches Ding, wozu brauchten wir je Geld?“ Er besitzt kein Auto, wohnt mit seiner Frau, der Malerin Jana Franke, in einer 70-Quadratmeter-Wohnung. Die einzigen Bilder, die bei ihm zu Hause hängen, sind Kinderzeichnungen seiner Tochter Zara. Sein Luxus sind zwei Dutzend Maßanzüge und der Spaß, der ihm seine Arbeit noch immer macht.

Lybke läuft durch die Tordurchfahrt neben der Galerie, begrüßt Carsten Nicolai, den Illuminator von Hongkong, der hier sein Atelier hat. Sie plaudern ein wenig. Lybkes Blick gleitet an der Fassade hoch. „Tja, ich habe mit einem Zimmer angefangen, jetzt habe ich das ganze Gebäude. Und dazu noch 22 Angestellte. Das hat mit Glück oder Leichtigkeit leider nichts zu tun. Das ist alles harte Arbeit.“

Wahrscheinlich hätte der freche Judy wirklich nicht besonders viel erreicht, wenn er nicht den disziplinierten Gerd Harry dabei hätte. Die beiden zusammen bringen den Erfolg. Der Kunstmarkt bietet selten ein schnelles Geschäft, er ist nicht mal besonders glamourös. Wer über Jahrzehnte erfolgreich sein will, braucht Haltung und Geduld. Lybke beobachtet Künstler lange, bevor er mit ihnen zusammenarbeitet. Er will wissen, wofür sie stehen, wohin sie sich entwickeln. Es braucht Zeit und Mühe, bis ein neuer Name im Markt etabliert ist. Neusammler müssen bei ihm erst mal Werke von jungen Talenten erwerben, bevor sie irgendwann einen Neo Rauch kaufen dürfen.

»Vertrauen und Beständigkeit sind ostdeutsche Tugenden«

Der dickste Ordner in Lybkes Büro ist der mit den Absagen. Er kontrolliert den Markt, er entscheidet, wer was zu welchem Preis bekommt. Die wichtigsten Kunden kommen aus den USA, wie der Ölerbe Andrew Hall, den Lybke kennenlernte, als er bei Leo Castelli in New York noch das Licht an- und ausmachte. Auch der Immobilienmogul Don Rubell, der Time-Warner-Manager Michael Lynne oder der ehemalige Disney-Chef Michael Ovitz gehören zu den treuen Käufern. Aber selbst die lassen Lybke entscheiden, was zu ihrer Sammlung passt. Es ist ein Geflecht aus Vertrauen und Beständigkeit. Das sind für Lybke übrigens ostdeutsche Tugenden, weil es in der DDR so wichtig gewesen sei, die richtigen Leute zu erkennen und ihnen verbunden zu bleiben.

Lybke ist schließlich in seinem Kunstlabor am anderen Ende der Auguststraße angekommen. Die Assistentinnen umschwirren ihn wie Sternenstaub, er eilt herum, nickt, küsst, schüttelt, umarmt, winkt. Die Künstler, die jetzt im LAB ihre Werke ausstellen dürfen, stehen schüchtern vor ihm. „Das ist die nächste Generation“, sagt Lybke, „die Schüler der Maler, die ich kennenlernte, als sie selbst noch Studenten waren.“ Einen Moment lang verharrt er, als fühle er seinen Worten hinterher und sagt: „Ist das nicht schön? Es geht immer weiter!“

Die Serie „Die Ostdeutschen“ beschreibt 25 Lebenswege in ein neues Land. Sie ist in Kooperation von RBB, Credofilm, Christoph Links Verlag und Berliner Zeitung entstanden. Die fünf entstandenen Filme werden in der ersten Novemberwoche immer 22.15 Uhr (am Mittwoch 22.30 Uhr) im RBB gezeigt. Nach der Ausstrahlung sind sie eine Woche lang auf der RBB-Webseite abrufbar.

© 2014 Berliner Zeitung • ImpressumDatenschutzerklärungKontakt

Projektleitung: Michaela Pfisterer • Projektmanager: Thomas Kutschbach, Robert John

Dank an: Brigitte Fehrle, Bettina Cosack, Rita Böttcher, Tycho Schildbach, Philip Miram

Umsetzung: winball.de